Zusammenfassung
Das benigne Prostatasyndrom (BPS) ist ein Überbegriff für das variable Zusammenspiel zwischen Symptomen des unteren Harntrakts (LUTS), Prostatavergrößerung (BPE) und Blasenauslassobstruktion (BOO bzw. BPO). Symptomatisch kennzeichnend sind Blasenentleerungsstörungen (Miktionsbeschwerden, bspw. verzögerter Miktionsbeginn) sowie Blasenspeicherstörungen (Speicherbeschwerden, bspw. Pollakisurie). In unterschiedlichem Ausprägungsgrad tritt es bei Männern insb. ab 50 Jahren auf.
Die Diagnostik umfasst neben einer Basisdiagnostik (insb. Anamnese mit International Prostate Symptom Score, digital-rektale Untersuchung, Sonografie der Nieren und Harnblase, transrektale Sonografie) eine erweiterte Diagnostik (urodynamische Messungen wie Uroflowmetrie und ggf. Druck-Fluss-Messung) und hat die Aufgabe, eine zielgerichtete Therapie des BPS zu ermöglichen, um die Lebensqualität des Patienten schnell wiederherzustellen und krankheitsbezogenen Komplikationen vorzubeugen.
Therapeutisch kann je nach Leidensdruck neben dem abwartenden Verhalten auch symptomatisch (medikamentös, bspw. mittels α1-Blocker oder Phosphodiesterase-V-Inhibitoren) therapiert werden. Bei sich verschlechternder Symptomatik kommen operative (meist transurethrale) Therapien oder Laserverfahren zum Einsatz (absolute OP-Indikationen bei BPS).
Definition
- Benignes Prostatasyndrom : Variables Zusammenspiel zwischen Symptomen des unteren Harntrakts (LUTS), Prostatavergrößerung (BPE) und Blasenauslassobstruktion (BOO bzw. BPO) [1]
- Lower urinary Tract Symptoms (LUTS): Sammelbegriff für Symptome des unteren Harntrakts (bspw. Miktionsstörungen), siehe: Symptome des benignen Prostatasyndroms
- Benigne Prostatahyperplasie (BPH): Histologisch hyperplastische Gewebeveränderung
- Benign prostatic Enlargement (BPE): Prostatavergrößerung >25 cm3 bzw. mL
- Bladder Outlet Obstruction (BOO): Urodynamisch gesicherte Blasenauslassobstruktion (Blasenauslasswiderstand↑)
- Benign prostatic Obstruction (BPO): Durch eine Prostatavergrößerung (BPE) verursachte mechanische Blasenauslassobstruktion (BOO)
Epidemiologie
- Häufigste urologische Erkrankung des Mannes in Ländern des Globalen Nordens
- Prävalenz: 12 Mio. Männer >50 Jahre (Stand 2023) [1][2]
- Prostatavolumen >25 mL: 26,9% [3]
- Abgeschwächter Harnstrahl (Qmax <10 mL/s): 17%
Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.
Ätiologie
- Unklare Genese, ein Zusammenspiel folgender Faktoren wird diskutiert: [1][3]
- Androgene: Umwandlung von Testosteron zu Dihydrotestosteron (DHT) → Wachstumsreiz der Prostata im Bereich der Transitionszone ↑
- Vermehrte Ausschüttung von Wachstumsfaktoren in der Prostata und Inhibition der Apoptose
- Fehlende Ausdifferenzierung des Epithels
- Risikofaktoren [1]
- Adipositas
- Metabolisches Syndrom (erhöhtes abdominelles Fett, erhöhte Plasmaglucose, niedriges HDL-Cholesterin) [4]
- Fortgeschrittenes Alter
- Familiäre Disposition
- Testosteron
- Chronische Prostatitis
Pathophysiologie
- Obstruktive und irritative Miktionsstörungen [3]
- Blasenentleerungsstörung : Volumenzunahme der Prostata → Subvesikale Obstruktion → Erhöhter Miktionswiderstand → Detrusorhypertrophie und erhöhter Miktionsdruck → Kollagenablagerung und Trabekulierung der Harnblase mit möglicher Ausbildung von (Pseudo‑)Divertikeln der Harnblase → Funktioneller Restharn → Dilatation der glatten Muskelfasern des Detrusors → Detrusorinsuffizienz → Weitere Restharnbildung und Vergrößerung und Dekompensation der Harnblase
- Blasenspeicherstörung : Reizerscheinung der Blase und des Blasenhalses durch Volumenzunahme der Prostata → Inadäquate Blasenentleerung → Schnelleres Erreichen der max. Blasenkapazität → Verstärkter Harndrang und Pollakisurie → Detrusorhypertrophie
Pathologie
-
Wachstum von Epithelzellen und Drüsengewebe periurethral sowie in der Transitionszone der Prostata [1][3]
- Hyperplasie des Prostatagewebes, zusätzlich partielle Hypertrophie
- Zunahme glatter Muskelzellen im Interstitium
- Weiteres zum makroskopischen und mikroskopischen Aufbau der Prostata siehe auch: Prostata, Bläschendrüse und Cowper-Drüse
Ein Prostatakarzinom kann auch nach der Resektion einer Prostatahyperplasie auftreten, da der Entstehungsort beider Erkrankungen meist in unterschiedlichen Bereichen der Prostata liegt: BPH in der Transitionszone, Prostatakarzinom in der peripheren Zone!
Zum Vergleich: Normalbefunde
Symptomatik
Folgende Miktionsbeschwerden (LUTS) werden im Rahmen des benignen Prostatasyndroms unterschieden:
- Miktionsbeschwerden (bei Blasenentleerungsstörung) [3]
- Verzögerter Miktionsbeginn
- Abgeschwächter und/oder geteilter Harnstrahl
- Unterbrochener Harnstrahl („Stakkatomiktion“)
- „Nachträufeln“
- Verlängerte Miktionszeit
- Restharngefühl
- lschuria paradoxa (ständiges Tröpfeln bei Überlaufinkontinenz möglich)
- Dysurie
- Harnverhalt
- Speicherbeschwerden (bei Blasenspeicherstörung) [3]
- Komplikationen/Postmiktionssymptome [3]
- Rezidivierende Infekte, Sepsis/Pyelonephritis
- Harnverhalt
- Harnblasensteine
- Makrohämaturie
- Blasendivertikel bzw. Pseudodivertikel
- Akute Nierenfunktionseinschränkung durch Harnverhalt und Hydronephrose
- Chronische Nierenkrankheit
Diagnostik
Basisdiagnostik
Anamnese
- Allgemeine Anamnese
- Chronische Erkrankungen
- Medikamentenanamnese
- Stuhlunregelmäßigkeiten
- Männliche sexuelle Funktionsstörungen
- Traumen
- OPs im Beckenbereich
- Miktionsanamnese: International Prostate Symptom Score (IPSS)
- Durchführung: Erfassung des Ausprägungsgrades des benignen Prostatasyndroms und des Einflusses auf die Lebensqualität anhand häufiger Symptome (nicht zur Diagnosestellung!)
- Interpretation: Entscheidungshilfe für eine Therapieindikation sowie Verlaufs- und Erfolgskontrolle einer Behandlung
- 1–7 Punkte: Milde Symptomatik → Verlaufsbeobachtung
- 8–19 Punkte: Mittlere/moderate Symptomatik → Zeitnahe Behandlung
- 20–35 Punkte: Schwere Symptomatik → Dringender Handlungsbedarf
- Siehe auch: Link zum Fragebogen unter Tipps & Links
Körperliche Untersuchung [1]
- Untersuchung des Genitals zum Ausschluss von
- Orientierende urologisch-neurologische Untersuchung
- Ausschluss einer neurogenen Blasenentleerungsstörung
- Detektion neurologischer Probleme von Blase und Blasensphinkter durch
- Prüfung des Analsphinktertonus (zusammen mit DRU)
- Prüfung von Sensibilität und Reflexstatus der unteren Extremität, des Dammes und des Genitals
- Digital-rektale Untersuchung
Apparative Diagnostik
Für detaillierte Informationen zu den Grundlagen der apparativen Diagnostik siehe: Apparative Diagnostik in der Urologie
Sonografie [1]
- Nieren
- Ausschluss einer Nierenstauung
- Ausschluss von Tumoren
- Harnblase
- Restharn
- Ausschluss einer Urolithiasis
- Ausschluss von Tumoren
- Blasenwand
- Detrusordicke
- Ausschluss einer Balkenblase (oder Trabekelblase): Balkenartige Detrusorhypertrophie ggf. mit Pseudodivertikeln
- Intravesikale prostatische Protrusion (IPP)
Transrektaler Ultraschall (TRUS)
- Goldstandard zur Beurteilung der Prostata
- Beurteilung von
- Prostatagröße
- Prostataparenchym (Homogenität)
- Ausschluss von u.a.
- Zysten
- Abszessen
Laboruntersuchung
- Urindiagnostik (zur Differenzialdiagnostik) [1]
-
U-Stix: Zum Ausschluss von Harnwegsinfekten, Hämaturie, Glucosurie
- Makrohämaturie: Kann durch Pressen beim Wasserlassen und Platzen einer von der vergrößerten Prostata gestauten Vene auftreten
- Ggf. Eiweiß positiv
- Urinsediment: Identifikation von Bakterien/Pilzen, Urolithiasis oder Mikrohämaturie
- Urinkultur: Bei auffälligem Urinstatus zur Diagnostik einer Harnwegsinfektion
-
U-Stix: Zum Ausschluss von Harnwegsinfekten, Hämaturie, Glucosurie
- PSA-Wert [1]
- Evaluation und Verlaufskontrolle des Prostatavolumens und -wachstums
- Früherkennung eines Prostatakarzinoms mit ggf. weiterer therapeutischer Planung
Eine Verfälschung des PSA-Wertes durch Infekte muss über eine Blut- und Urinuntersuchung ausgeschlossen werden. Rektale Manipulationen (z.B. digital-rektale Untersuchung) sollten vor Abnahme des PSA-Wertes nicht stattgefunden haben!
Weiterführende Diagnostik [1]
- Nicht-apparative Diagnostik
- Miktionstagebuch über mind. 3 Tage [1]
- Trink- und Miktionsvolumen inkl. Uhrzeiten
- Harndrang
- Stärke des Harnstrahls
- Inkontinenzepisoden
- Vorlagentest
- Miktionstagebuch über mind. 3 Tage [1]
- Apparative Diagnostik (siehe auch: Apparative Diagnostik in der Urologie)
- Blutuntersuchung: Kreatinin im Serum, GFR (bei Nierenstauung oder Restharn)
- Urodynamik, insb.
- Uroflowmetrie: Objektivierung einer Blasenentleerungsstörung anhand des Miktionsverlaufs und der max. Harnstrahlstärke (Qmax)
- Ggf. Druck-Fluss-Messung zur therapeutischen Planung (Goldstandard zur Unterscheidung zwischen Blasenauslassobstruktion und Detrusorunteraktivität)
- Bildgebende Verfahren (bspw. Ausscheidungsurografie, CT-Urografie, retrograde Urethropyelografie/Urethrozystografie, Miktionszystourethrografie): Nur zur Differentialdiagnostik
- Urethrozystoskopie bei Mikro-/Makrohämaturie oder Harnblasentumor in der Vorgeschichte [1]
- Ausschluss von urethralen Stenosen, Blasenhalsstenose, Blasentumor
Differenzialdiagnosen
- Prostatakarzinom
- Neurogene Blasenentleerungsstörungen
- Chronische Prostatitis
- Chronisches Beckenschmerzsyndrom
- Urethrastriktur
- Blasenhalssklerose
AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Therapie
Allgemein
- Therapieziel [1]
- Primär: Rasche Symptomreduktion und Verbesserung der Lebensqualität
- Langfristig: Hemmung der BPS-Progression
- Auswahl des Therapieverfahrens: Je nach Leidensdruck (International Prostate Symptom Score), Vorhandensein und Grad der Blasenauslassobstruktion und Progressionsrisiko des BPS [1]
- Risikofaktoren für eine Progression bei BPS [1]
- Zunehmendes Alter
- Ausgeprägte Symptomintensität
- Volumen(zunahme) der Prostata bzw. (Erhöhung des) Serum-PSA
- Geringe max. Harnflussrate
- Hohe Restharnmenge
- Risikofaktoren für eine Progression bei BPS [1]
- Übersicht der Therapieverfahren
- Kontrolliertes Abwarten (bei geringem Leidensdruck des Patienten)
- Medikamentöse Therapie (bei Leidensdruck des Patienten)
- Operative Therapie (bei Vorliegen von Komplikationen → Absolute OP-Indikationen bei BPS)
Konservative Therapie
Kontrolliertes Abwarten [1][5]
- Indikationen
- Milde Beschwerden und geringer Leidensdruck des Patienten (IPSS ≤7)
- Geringes Progressionsrisiko (siehe: Risikofaktoren für eine Progression bei BPS)
- Maßnahmen: Änderungen des Lebensstils , ggf. Medikamentenanpassung, Reduktion des Körpergewichts, Entspannungsübungen [6]
- Kontraindikation: Absolute OP-Indikationen bei BPS
Medikamente [1]
- Indikation
- Subjektive Beschwerden und stärkerer Leidensdruck des Patienten (IPSS ≥8)
- Bei Risikofaktoren für eine Progression bei BPS [1]
- Medikamente
- α1-Blocker, bspw. Tamsulosin
- 5α-Reduktase-Hemmer, bspw. Finasterid
- PDE-5-Inhibitoren
- Antimuskarinika (Anticholinergika), insb. bei Speicherstörung
- Zu beachten: Kein oder nur geringer Effekt auf eine BOO/BPO [1]
α1-Blocker
- Indikation: Symptomatisches BPS, Abschwächung der (klinischen) Progression (kein Einfluss auf Prostatavolumen, geringer Einfluss auf BOO) [1]
- Wirkstoffe
- Nebenwirkungen, u.a.
- Retrograde Ejakulation
- Vermindertes Ejakulationsvolumen [1]
- Orthostatische Dysregulation
- Hypotonie
- Intraoperatives Floppy-Iris-Syndrom (IFIS) [1][7]
- Wirkmechanismus: Vermutlich Relaxation der glatten Muskelzellen der Prostata → Verminderung des Blasenauslasswiderstands [1]
- Wirkungseintritt: Innerhalb von Stunden bis Wochen (max. Wirkung) [1]
- Reevaluation der Therapie: Nach 4 Wochen
5α-Reduktase-Hemmer (5-ARI) [1][3]
- Indikation: Symptomatisches BPS zur Langzeitbehandlung (>6 Monate) bei Prostatavolumen ≥40 mL [1]
- Reduktion des Progressionsrisikos (akuter Harnverhalt oder OP-Indikation ↓), geringer Einfluss auf BOO [1]
- Wirkmechanismus: Hemmung der Umwandlung von Testosteron zu Dihydrotestosteron als selektiver kompetitiver Inhibitor der 5α-Reduktase → Wachstumsreiz↓→ Induktion der Apoptose in den Epithelzellen der Prostata (PSA-Wert↓ )→ Reduktion des Prostatavolumens (18–28%) → Symptomreduktion und Progressionshemmung [1]
- Wirkungseintritt: Nach 3–6 Monaten, Empfehlung zur Langzeittherapie (>1 Jahr) [1][3]
- 5α-Reduktase-Typen [3]
- 5-AR-Typ-1: Überwiegend in extraprostatischem Gewebe exprimiert, bspw. Haut/Leber (5α-Reduktase-Typ-1-Hemmer: Dutasterid )
- 5-AR-Typ-2: Primäre Expression in der Prostata (5α-Reduktase-Typ-2-Hemmer: Dutasterid, Finasterid)
- Nebenwirkungen
- Sexuelle Funktionsstörungen (erektile Dysfunktion, Libidoverlust, gestörte Ejakulation)
- Post-5-ARI-Syndrom: Psychische Störungen (Depressionen), Demenz, Änderungen der Kognition und Sexualfunktion [1]
- Wirkstoffe
- Dutasterid (beachte: Rote-Hand-Brief) [1]
- Finasterid (beachte: Rote-Hand-Brief) [1]
- Zu beachten: Im Prostatakarzinom-Screening ist der PSA-Wert nur bedingt aussagekräftig (Reduktion des freien PSA-Levels um 50% unter Medikation!) [3]
5α-Reduktase-Hemmer führen zu einer Abnahme des PSA-Wertes. Im Rahmen des Prostatakarzinom-Screenings unter 5-ARI-Therapie ist der PSA-Wert nur bedingt aussagekräftig! Eine PSA-Wert-Bestimmung vor Therapiebeginn wird empfohlen.
Phosphodiesterase-V-Inhibitoren (PDE-5-Hemmer) [1]
- Indikation: Mittlere bis schwere Symptomatik des BPS (sehr geringer bis kein Einfluss auf BOO) [5]
- Wirkmechanismus: Steigerung des intrazellulären cGMP (durch eine Hemmung des Abbaus) → Reduktion des Muskeltonus der glatten Muskelzellen von Detrusor, Prostata und Corpus cavernosum
- Wirkstoffe: Tadalafil , Sildenafil, Vardenafil
- Nebenwirkungen: Kopf- und Rückenschmerzen, Schwindel, gastrointestinale Störungen, Sehstörungen, Hörverlust
- Kontraindikation: Bei schwerer Herzinsuffizienz, instabiler KHK und kürzlich erlittenem Herzinfarkt bzw. Schlaganfall
Eine Kombination von Phosphodiesterase-V-Inhibitoren mit Nitraten und NO-Donatoren würde zu einem starken Blutdruckabfall führen und ist daher unbedingt zu vermeiden!
Antimuskarinika [1]
- Indikation: Speicherbeschwerden / überaktive Blase (OAB) mit mittlerer bis schwerer LUTS [1]
- Kontraindikation: U.a. BPO (Restharn >150 mL), Engwinkelglaukom [1][5]
- Wirkmechanismus: Kompetitive Blockade von Acetylcholin an den muskarinischen Acetylcholinrezeptoren → Parasympathikuswirkung↓ → Detrusorkontraktion↓
- Wirkstoffe
- Fesoterodin
- Darifenacin, Oxybutynin, Propiverin, Solifenacin, Tolterodin, Trospiumchlorid
- Nebenwirkungen: Mundtrockenheit, Obstipation, Harnverhalt, Harnwegsinfektionen, kognitive Störungen, Schwindel (langsame Dosissteigerung , engmaschigere Kontrollen und relative Kontraindikation bei älteren multimorbiden Männern)
- Siehe auch: Dranginkontinenz für Details zur medikamentösen Therapie mit Anticholinergika
β3-Adrenozeptor-Agonist [1][5]
Die aktuelle DGU-Leitlinie „Diagnostik und Therapie des Benignen Prostatasyndroms (BPS)“ von 2023 gibt keine Empfehlung mehr für β3-Adrenozeptor-Agonisten, wohingegen die europäische EAU-Leitlinie „Non-Neurogenic Male Lower Urinary Tract Symptoms (LUTS)“ von 2024 eine Empfehlung mit einem „weak strength rating“ für die Indikation „moderate to severe LUTS with mainly bladder storage symptoms“ herausgibt.
- Indikation: Gesteigerte Miktionsfrequenz und Drangsymptomatik
- Wirkmechanismus: Relaxation der glatten Muskulatur (Erhöhung von cAMP) der Harnblase mit folglicher Vergrößerung der funktionellen Harnblasenkapazität
- Wirkstoff: Mirabegron
- Nebenwirkungen: Tachykardie, Vorhofflimmern, Harnwegsinfektionen, Hypertonie, Gastritis, Ödeme, Pruritus
Medikamentöse Kombinationstherapien [1][5]
- Alphablocker und 5α-Reduktase-Hemmer: Langzeitbehandlung (≥2 Jahre) bei hohem Progressionsrisiko (Prostatavolumen >40 mL) [1][5]
- Alphablocker und Antimuskarinika: Bei Speicherstörungen und Versagen einer Monotherapie mit Alphablocker (nicht bei Restharnvolumen >150 mL) [1][5]
- Alphablocker und Phosphodiesterase-V-Inhibitoren: Zur Besserung von Symptomen des benignen Prostatasyndroms (im Vergleich zur Monotherapie mit Alphablockern nur moderat überlegen) und zur Besserung einer erektilen Dysfunktion [1][5]
- 5α-Reduktase-Hemmer und Phosphodiesterase-V-Inhibitoren: Zur Besserung einer erektilen Dysfunktion im Rahmen der 5-ARI-Therapie [1]
Keine Kombination von α1-Blockern mit anderen Alpharezeptorblockern im Rahmen einer Hypertonietherapie! [8]
Phytotherapie [1]
- Substanzen: Bspw. Sägepalmenextrakt, Kürbiskerne oder Brennnesselwurzel
- Indikation: Bei Ablehnung von synthetischen Medikamenten (bei leichter bis mittelschwerer Symptomatik)
- Kontraindikation: BOO
- Wirkung: Kurzfristige Symptomlinderung möglich, keinen Einfluss auf Prostatavolumen
Keine allgemeine Empfehlung zur Phytotherapie in der Leitlinie bei bisher mangelnder Evidenz für eindeutige Wirksamkeit! [1]
Invasive Therapie
Operative Therapie [1]
- Indikationen
- Absolute OP-Indikationen bei BPS
- Rezidivierender Harnverhalt
- Rezidivierende Harnwegsinfektionen mit/ohne Prostatitis/Epididymitis
- Konservativ nicht beherrschbare, rezidivierende Makrohämaturien
- Harnblasenkonkremente
- Dilatation des oberen Harntraktes, akute Nierenfunktionseinschränkung oder chronische Nierenkrankheit durch Bladder Outlet Obstruction
- Relative OP-Indikationen
- Unzureichende Symptomlinderung durch medikamentöse Therapie
- Absolute OP-Indikationen bei BPS
- Operative Therapie unter Antikoagulation
- Blutungsrisiko verschiedener Interventionen (Auswahl) [1]
- Hoch: Offene Adenomenukleation
- Niedrig: Greenlight-Laser-Vaporisation, Thuliumlaser-Enukleation (TmLEP), Holmium-Laser-Enukleation (HoLEP)
- Vorgehen [1]
- Blutungsrisiko gegen individuelles Risiko von thromboembolischen Ereignissen abwägen
- Bei möglichem Aussetzen der Antikoagulation (ASS muss nicht abgesetzt oder gebridged werden) → Alle Interventionen möglich
- Bei nicht möglichem Aussetzen einer Antikoagulation/Thrombozytenaggregation oder bei Bridging → Intervention mit geringem Blutungsrisiko wählen (bspw. transurethrale Lasertechniken)
- Blutungsrisiko verschiedener Interventionen (Auswahl) [1]
Transurethrale Resektion der Prostata (TUR-P) [1][5]
- Indikation: Prostatavolumen bis ca. 80 mL
- Verfahren: Monopolar vs. bipolar (Wirkung vergleichbar, Morbidität bei bipolarer TUR-P geringer)
- Endoskopische Resektion des Adenomgewebes unter Sicht
- Gleichzeitige Koagulation der Schnittränder
- Verwendung von elektrolytfreier Spüllösung bei monopolarer TUR-P (CAVE: TUR-Syndrom)
- Wirkung: Reduktion der
- Symptome des benignen Prostatasyndroms (anhand des IPPS)
- Blasenauslassobstruktion (BOO)
- Verbesserung des Harnstrahls (Qmax): +162%
- Verbesserung des IPSS: -70%
- Reduktion des Restharns: -77%
- Nebenwirkungen
- Retrograde Ejakulation aufgrund weiter Prostataloge mit offenstehendem Harnblasenhals (50–90%)
- Weitere: Ejakulatorische Dysfunktion, erektile Dysfunktion, Harnröhrenstrikturen, Harninkontinenz, Re-Intervention pro Jahr, Transfusionsbedarf (2,9%) [9]
- Komplikation: TUR-Syndrom (<1,1%)
- Symptome: Unruhe, Kopfschmerzen, Herzrhythmusstörungen, Lungenödem, Kreislaufschock
- Pathologie: Lange OP-Dauer und/oder große Wundfläche → Resorption der elektrolytfreien Spülflüssigkeit → Entstehung von Hyponatriämie und Hypervolämie (hypotone Hyperhydratation)
- Für weitere Informationen siehe auch: TUR-Syndrom
- Siehe auch: TUR-Prostata GeSRU-Operationsvideos
Prostataerhaltendes Verfahren [1]
- Transurethrale Inzision der Prostata (TUIP)
- Indikation: Junge, sexuell aktive Männer mit kleinem Prostatavolumen (<30 mL)
- Durchführung: Desobstruktion durch Inzision des Prostatagewebes und des Harnblasenhalses (bei 4 und 8 Uhr)
- Ergebnis: Geringgradigere Reduktion einer BOO, jedoch retrograde Ejakulation bei lediglich 21%
Transurethrale Laseroperationen [1]
- Indikation: Bei guter Expertise der operierenden Person unabhängig vom Volumen
- Verfahren
- Laserenukleation: Lösen des hyperplastischen Gewebes apexnah, entlang der Pseudokapsel → Luxation in die Harnblase und Zerkleinerung mittels Morcellator (Gewebefragmentierer) → Histologische Untersuchungen des Prostatagewebes
- Laservaporisation: Einführung der Lasersonde bis vor das zu entfernende Gewebe → Gleichzeitige Verdampfung und Koagulation durch hohe Energiedichte
- Laserablation: Einführung der Lasersonde in das zu entfernende Gewebe → Induktion lokaler Gewebenekrosen → Symptomlinderung mit zeitlicher Verzögerung
- Laservaporesektion: Abtragung kleinerer Gewebefragmente und Verödung der Schnittfläche → Histologische Untersuchungen der Gewebefragmente (kein Morcellator notwendig)
- Holmiumlaser: Schneidender gepulster Laser
- Verfahren: Insb. Enukleation (HoLEP)
- Ablation (HoLAP ) möglich (Prostata ≤40 mL) [1]
- Indikation: Unabhängig vom Prostatavolumen (Alternative zur TUR-P oder offenen Adenomenukleation)
- Vorteil
- Siehe auch: TUR-Prostata GeSRU-Operationsvideos
- Verfahren: Insb. Enukleation (HoLEP)
- Thuliumlaser: Schneidender Dauerstrahlerlaser
- Verfahren: Insb. Enukleation (TmLEP)
- Vaporesektion (TmVRP)
- Indikation: Unabhängig vom Prostatavolumen (Alternative zur TUR-P oder offenen Adenomenukleation)
- Vorteil
- Verfahren: Insb. Enukleation (TmLEP)
- Greenlight-Laser
Prostataarterienembolisation [1]
- Indikation: Patientenwunsch unter Inkaufnahme eines unterlegenen Outcomes gegenüber einer TUR-P (jedoch weniger Komplikationen)
- Technik: Angiografie mit supraselektiver Embolisation der A. vesicales inferior bds. mittels Mikropartikeln
Offen-operative Verfahren [1][3]
- Offene Adenomenukleation [1]
- Indikationen
- Prostatavolumen >80 mL
- Große Blasendivertikel
- Große Harnblasensteine
- Komplexe Harnröhrenerkrankungen (bspw. Z.n. Hypospadiekorrektur)
- Lagerungstechnische Probleme (bspw. keine Steinschnittlage möglich)
- Verfahren
- Transvesikale Adenomenukleation nach Harris-Hryntschak [3]
- Unterbauchschnitt in der Mittellinie
- Vertikale ventrale Zystotomie (bis 1 cm an den Harnblasenhals)
- Zirkuläre Inzision des Harnblasenhalses (CAVE: Ostien dürfen nicht verletzt werden!)
- Präparation des Adenoms unter Sicht (Schere oder Elektroskalpell)
- Blutstillung und Einlage eines 22-CH-Spülkatheters in die Prostataloge plus ggf. suprapubischer Dauerkatheter
- Zweischichtiger Wundverschluss (Zystotomie), Robinson-Drainage
- Retropubische Adenomektomie nach Millin [3]
- Unterbauchschnitt in der Mittellinie
- Transversaler, retropubischer Schnitt der Prostatakapsel
- Stumpfe Präparation und Entfernung der Seitenlappen
- Durchtrennung der Harnblasenhalsschleimhaut sowie Präparation und Entfernung des Mittellappens
- Blutstillung und Einlage eines 22-CH-Spülkatheters in die Prostataloge
- Verschluss der Prostatakapsel (wasserdicht)
- Wundverschluss, Robinson-Drainage
- Transvesikale Adenomenukleation nach Harris-Hryntschak [3]
- Nachsorge: Schrittweise Reduktion der Spülung und des Katheterblocks, frühe Mobilisation, Miktionstraining nach Entfernung des Dauerkatheters
- Indikationen
Die operative Versorgung eines benignen Prostatasyndroms schließt eine spätere Prostatakarzinomentwicklung nicht aus, da Gewebereste im Körper verbleiben!
Bei nahezu allen operativen Maßnahmen kommt es nach der OP dauerhaft zur retrograden Ejakulation in die Harnblase im Zuge der anatomischen Veränderung!
Neuere minimal-invasive Therapien
- Therapieziele bzw. -vorteile
- Erhalt der sexuellen Funktion
- Erhalt der antegraden Ejakulation
- Ambulante Verfahren in Lokalanästhesie
Verfahren
- Intraprostatische Injektion
- Indikation: Ältere Patienten mit Komorbiditäten (nur innerhalb von Studien, Off-Label Use) [1]
- Wirkstoffe: Fexapotide (NX-1207) und Topsalysin (PRX302)
- Durchführung
- Transurethrale/transperineale/transrektale Applikation unter rektaler sonografischer Kontrolle (in Lokalanästhesie)
- Aktivierung der Apoptose mit Reduktion des Prostatagewebes
- Dilatative Verfahren [1]
- Prostata-Harnröhren-Lifting-Verfahren (PUL) : Permanente Kompression der Prostata mittels mehrerer verankerter Nähte
- Indikation: Prostatavolumen ≤80 mL, normaler Mittellappen, Wunsch nach Ejakulationsschonung
- Temporär implantierbares Körbchen aus Nitinol : Erzeugung von Drucknekrosen in der Prostata (bei 5, 7 und 12 Uhr) durch Einlage eines Körbchens mit 3 Spangen in die prostatische Harnröhre für 5–7 Tage
- Indikation: Prostatavolumen ≤75 mL, kein endovesikaler Mittellappen (intravesikale prostatische Protrusion), Wunsch nach Ejakulationserhalt
- Prostata-Harnröhren-Lifting-Verfahren (PUL) : Permanente Kompression der Prostata mittels mehrerer verankerter Nähte
- Ablative Techniken
- Konvektive Wasserdampfablation : Induktion thermischer Zellnekrosen durch Einbringung von Wasserdampf in die Transitionalzone (über eine Zystoskopie) [1]
- Indikation: Wunsch nach Ejakulationserhalt
- Wasserstrahlablation der Prostata : Hydrodissektion von Prostataparenchym durch einen Hochdruckwasserstrahl [1]
- Indikation: Prostatavolumen 30–80 mL
- Nachteil: Blutungsrisiko (insb. bei Prostatavolumina >80 mL)
- Konvektive Wasserdampfablation : Induktion thermischer Zellnekrosen durch Einbringung von Wasserdampf in die Transitionalzone (über eine Zystoskopie) [1]
Kodierung nach ICD-10-GM Version 2026
- N40: Prostatahyperplasie
- Inklusive: Adenofibromatöse Prostatahypertrophie
- Niedriggradige intraepitheliale Neoplasie der Prostata [low-grade PIN]
- Prostatahypertrophie (gutartig)
- Prostatavergrößerung (gutartig)
- Querbarre am Harnblasenhals (Prostata)
- Verschluss der prostatischen Harnröhre o.n.A.
- Exklusive: Gutartige Neubildungen der Prostata (D29.1), Hochgradige intraepitheliale Neoplasie der Prostata [high-grade PIN] (D07.5)
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2026, BfArM.